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Schauspieler ermutigen Kinder zum Nein

Theaterpädagogisches Programm gegen sexuellen Missbrauch stärkt Vahrer Grundschüler

(aus: Weser-Kurier 20.2.14)
von Ulrike Troue

Gartenstadt Vahr. Zum zweiten Mal hat die Theaterpädagogische Werkstatt Osnabrück mit den 3. und 4. Klassen der Grundschule In der Vahr die Szenencollage „Mein Körper gehört mir!“ durchgespielt. In dem Präventionsprogramm gegen sexuellen Missbrauch animieren zwei Schauspielprofis die Kinder zum Mitdenken und -reden: Sie sollen ein Gefühl für Grenzüberschreitungen bekommen und sich trauen, Nein zu sagen.

„Ich will das nicht mehr!“, rufen die Viertklässler der Grundschule in der Vahr am Ende dieser Stunde plötzlich mit kraftvoller Stimme und oft entsprechender Mimik und Gestik. Da mögen vielleicht sogar die Tassen im Lehrerzimmer gewackelt haben, so wie es sich Sissi Zängerle und Moritz Viebeg gewünscht hatten. 45 Minuten zuvor klang der Vers des Liedes „Mein Körper, der gehört mir allein“ längst nicht so überzeugend.

Zu der verbalen Grenzziehung haben die beiden Schauspieler der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück (Tpw) die 23 Schülerinnen und Schüler der Inklusionsklasse von Mirha Schremser und Silke Alshuth durch Spielszenen, direkte Ansprache und Musik ermutigt. Der laute Gesang der Kinder zeigt, dass die Botschaft des Präventionsprogramms „Mein Körper gehört mir“ über Grenzen, die niemand überschreiten darf, schon nach der zweiten Stunde angekommen ist: Die Kinder trauen sich jetzt eher Nein zu sagen.

Offener und spielerischer Umgang

Die einfühlsamen Verwandlungskünstler gehen ganz offen mit dem Thema sexueller Missbrauch um und mit spielerischer Leichtigkeit und Sicherheit auf die Kinder zu. Zu Beginn und am Ende der drei Einheiten singen sie das Mitmachlied, weil Bewegung und Musik die Atmosphäre auflockern. Die Neun- bis Elfjährigen machen mit, lachen und wenden sich mit gutem Gefühl dem ernsten Thema zu. Sissi spielt in den Szenen, die jedem Kind im Alltag begegnen könnten, ein Schulmädchen. Sie spricht die Schülerinnen und Schüler damit nicht als Erwachsene an, sondern begegnet ihnen auf Augenhöhe und erreicht sie damit viel besser.

Sissis Ball trifft aus Versehen ein parkendes Auto. Als sich sie sich den zurückholen will, erschrickt Sissi fürchterlich, ruft laut „Nein“ und rennt auf den Schulhof. „Das ist genau richtig, wenn ihr ein Nein-Gefühl habt, und merkt: ich will das nicht mehr“, betont Moritz Viebeg später.

Dann sucht Sissi den Hausmeister, den Viebeg mimt, und berichtet: „Da saß ein Mann im Auto, der hatte seine Hose auf.“ Daraufhin wendet sich der ebenfalls ausdrucksstarke Akteur im braunen Kittel dem aufgeregten Mädel zu, erklärt ihr in klarer, kindgerechter Sprache, dass dieser Mann ein Exhibitionist ist: „Das ist ein Mann, der anderen seinen Penis zeigt. Das darf er nicht, er überschreitet eine Grenze.“ Nun überlegen die Kinder, was unter sexuellen Übergriffen zu verstehen ist. Nada fällt spontan das Schwimmbad ein: „Da gibt es viele.“ Moritz Viebeg bestätigt: „Ja, wenn ihr unter der Dusche genau beobachtet werdet, ist das ein sexueller Übergriff.“

In dem Beispiel von Sissis Fehlwurf ermutigt der Hausmeister das Kind außerdem, seinen Eltern von dem Erlebnis zu erzählen und Anzeige bei der Polizei zu erstatten. „Das ist stark, dass sie den Mut hat, ihm das zu erzählen“, findet Sissi Zängerle und rät den Schülerinnen und Schülern, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen und sich Hilfe zu holen.

Die zweite Szene handelt von Gefahren im Internet. Sissi lernt im Chat Urs kennen, der ihr von seinem Hund erzählt und ihre Neugierde weckt. Als das Mädchen den Treffpunkt erreicht, ruft eine Stimme aus dem Gebüsch: „Benny hat sich eingegraben, komm’ hilf mir!“ Auf das unvermittelte „Stopp“ der Akteure, die abrupt abbrechen, reagieren die Schüler verwundert. „Hast Du das verstanden?“, raunen sie sich zu. Dann erklärt ihnen Viebeg: „Das Mädchen war wirklich in Gefahr, denn Urs war nicht der Junge, für den er sich ausgegeben hat, sondern ein Mann.“

Praktische Strategien

Auch aus der dritten Szene mit einem neuen Nachbarn leiten die Kinder später praktische Strategien ab, zum Beispiel, sich in unsicheren Situationen zu besinnen und drei Fragen zu stellen: Habe ich ein Ja- oder ein Nein-Gefühl? Weiß ein Erwachsener, wo ich bin? Weiß ich, wo ich Hilfe bekomme, wenn ich sie brauche?

Lässt sich nur eine Frage mit Nein beantworten, sollten die Schüler auf ihr Bauchgefühl vertrauen, sich auf nichts einlassen und mutig Nein sagen, betonen die Akteure. „Es gibt Grenzen, die niemand überschreiten darf“, lautet ihre klare Botschaft. Wieder versichern sie den Neun- bis Elfjährigen: „Der Täter hat immer die Schuld.“

Das Kollegium der Grundschule in der Vahr will schon im Schulalltag „die Kinder ermutigen, ihre Meinung zu sagen“, sagt Silke Alshuth und weist auf Schülerparlament, Streitschlichter und Stopp-Regel hin. „Die Kinder werden Tag für Tag damit konfrontiert, sich stark zu machen und Grenzen aufzuzeigen“, bestätigt Schulleiterin Christiane Leupold.

Das Präventionsprogramm zum sexuellen Missbrauch für die Dritt- und Viertklässler läuft im Zweijahresrhythmus an der Schule und wird durch eine Spende des Vereins „Menschen gegen Kindesmissbrauch“, den Schulförderverein und einen Elternbeitrag finanziert. „Je offener eine Schule mit dem Thema umgeht, desto besser gehen die Kinder mit“, ergänzen Moritz Viebeg und Sissi Zängerle. „Und das ist hier spürbar.“

Mehr Informationen gibt es online unter www.tpw-osnabrueck.de.